Zwei Rotarier, ein Mythos: Peter Egli und Vic Jacob gehören zu den prägenden Figuren hinter dem Suvretta House in St. Moritz. Der eine führt das ikonische Grand Hotel seit zwölf Jahren gemeinsam mit seiner Frau Esther, der andere ist Mitglied im Verwaltungsrat. Ein Gespräch über Gastfreundschaft, Traditionsbewusstsein und die Kunst, ein Haus mit Geschichte in die Zukunft zu tragen.
Ein Wintermorgen in St. Moritz. Vor den Fenstern des Suvretta House liegt das Engadin in klarem Licht, die Luft so frisch, dass selbst der Atem leise kristallisiert. In der Hotelhalle knistert das Kaminfeuer, ein Kellner serviert mit beinahe lautloser Präzision Tee aus einer Silberkanne. Es ist dieser Mix aus Ruhe und Weltläufigkeit, der das Haus seit über 114 Jahren prägt.
Ein Gespräch mit Peter Egli
Das Suvretta House ist ein Ort mit eigener Zeitrechnung. Woran merken Sie, dass eine Saison richtig gut läuft?
Wenn wir es geschafft haben, dass Gäste während Ihres Aufenthaltes bereits für das kommende Jahr wieder buchen und wir gleichzeitig viele neue Gäste willkommen heissen dürfen, so sind dies Anzeichen für eine erfolgreiche Saison – ganz unserem Claim getreu «the alpine hideaway for generations to come since 1912». Wer es auch merkt, ist unser Hausbäcker, wenn er viel mehr Mehl einkaufen muss. Er backt täglich mehr als 50 verschiedene Backwaren in unserer hauseigenen Bäckerei.
Im Suvretta House kommen unterschiedlichste Lebenswelten zusammen. Welche Begegnungen sind Ihnen besonders geblieben?
Was meine Frau und mich immer wieder berührt: wenn Gäste mit uns im Gespräch sind und sie uns Fotos von ihren Urgrosseltern zeigen, wie sie in den Zwanzigerjahren bei uns Ski- oder Wanderferien gemacht haben. Es ist etwas sehr Wertvolles, Stammgäste zu haben und Jahr für Jahr neue Gäste zu Stammgästen zu machen.
Diskretion gilt als eine der stillsten, aber wertvollsten Qualitäten Ihres Hauses. Wie bewahrt man sie in einer Welt, die immer öffentlicher wird?
Wir leben diese Philosophie zusammen mit unserem Team und geben keine Namen der Persönlichkeiten heraus, die bei uns zu Gast sind. Social Media und das Teilen von Bildern spielen in unserer Gesellschaft eine immer grösser werdende Rolle. Hier ist unsere Philosophie, dies authentisch und sorgfältig zu machen. Indem wir klare Regeln für das Fotografieren im Suvretta House und das Teilen der Bilder festlegen und diese Regelungen auf unserer Website transparent kommunizieren, sind die Spielregeln bereits vorab für Gäste und Besucher einsehbar und nachvollziehbar.
Tradition hat Gewicht, kann aber auch Last sein. Woran erkennen Sie, dass eine Weiterentwicklung notwendig ist?
In der Schnelllebigkeit unserer Zeit nimmt das Pflegen von Traditionen eine wichtige Stellung ein. Sie sind Parameter für die Beständigkeit und Qualität und wirken sich auch auf die Atmosphäre aus. Als wir vor zwölf Jahren die Führung des Suvretta House übernommen haben, gab es in der Halle und in der Anton’s Bar noch den Dresscode, dass Herren ab 19 Uhr ein Jackett tragen. Wir haben dies auf Casual angepasst, da wir fanden, dass Hausgäste auch gerne mal «casual dining» in der Halle geniessen wollen. Dies wurde sehr gut aufgenommen und hat sich schön etabliert.
Luxus ist heute weniger ein Objekt als ein Gefühl. Welche Formen von Luxus gewinnen an Bedeutung? Welche verlieren an Relevanz?
Luxus definiert sich heute über gemeinsame Zeit mit seinen Liebsten, spontane Reisen und nachhaltige Erfahrungen. Auch grosszügige Räume, schöne – qualitativ hochwertige – Materialien, herrliche Aussicht und Ruhe gehören zum Luxus. All das kann das Suvretta House seinen Gästen bieten.
Ein Haus wie das Suvretta lebt von seiner Handschrift. Welche Elemente sind für Sie unverhandelbar, selbst wenn sich Trends oder Erwartungen ändern?
Das Suvretta House pflegt besondere Traditionen, die unsere Gäste leben und lieben. Im Grand Restaurant gilt immer noch der «Suvretta House Dresscode»: Gentlemen tragen Anzug mit Krawatte, Damen kleiden sich elegant. Dies trägt zur Stimmung in einem der schönsten Restaurants der Welt bei. Solange Hermès Krawatten herstellt, werden wir diese Kultur pflegen.
Was braucht ein Team im Suvretta House, um über eine ganze Saison hinweg konstant gut arbeiten zu können?
«We are one family» - so leben wir den Alltag im Hotel gemeinsam mit allen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Daraus fruchten Vertrauen, ein positives Mindset und eine respektvolle Atmosphäre, welche sich auf unsere Gäste überträgt.
In St. Moritz treffen Weltläufigkeit, Sportlichkeit und Tradition aufeinander. Wie wirkt sich dieses Umfeld auf Ihre Arbeit als Gastgeber aus?
St. Moritz ist der Geburtsort des Wintertourismus, und ein Konglomerat aus Einzigartigkeiten. Die traumhafte Berg- und Seenlandschaft des Engadins hat seit jeher Intellektuelle, Künstler und Freigeister gleichermassen angezogen, und tut dies noch heute. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist das Event «The I.C.E. – The International Concours of Elegance» dem zugefrorenen St. Moritz See. Nirgends sonst versammeln sich die schönsten und coolsten Classic Cars mit einem international illustren Publikum auf einem zugefrorenen See. Im Zuge dieses Events ist im Suvretta House die Koenigsegg Ice Bar entstanden, wo auf dem hauseigenen Eislauffeld einmalige Supercars bestaunt werden können und dabei prickelnde Drinks von Ice Skaters serviert werden.
Jeder hat einen Moment, der den Sinn des eigenen Tuns spürbar macht. Wann zuletzt haben Sie einen solchen Moment erlebt?
Der Umbau zum neuen Suvretta Spa war mit Sicherheit ein solcher Moment. Im Rahmen der Arbeiten kamen Bau-Elemente aus der Gründerzeit zum Vorschein und damit verbundene neue Herausforderungen für die am Bau beteiligten Firmen. 25 Findlinge, teilweise bis zu fünf Tonnen und mehr, wurden freigelegt; jeden einzelnen haben wir behutsam im neuen Spa und Spa Garten integriert. Sie laden dazu ein, ein Stück Erbe zu entdecken und in sich aufzunehmen – jahrtausendealte Naturwunder von unglaublicher Schönheit und Kraft!
Wenn Sie an die kommenden Jahre denken: Welche Frage beschäftigt Sie für die Zukunft des Suvretta House am meisten?
Das Suvretta House ist seit Gründung im Jahr 1912 im Besitz der Familie Candrian-Bon. Die Werte, auf denen das Suvretta House bis heute basiert, sind zugleich die Tragsäulen der Zukunft. Die aussergewöhnliche Lage des Hotels, eingebettet zwischen Arvenwäldern und mit direkter Anbindung an das Ski- und Wandergebiet Corviglia, ist einmalig. Durch fortwährende Investitionsmassnahmen wird das Bestehende bewahrt und gleichzeitig in die Moderne geführt.
Mit Reto und Martin Candrian zeichnen zwei weitere Rotarier für das Suvretta House verantwortlich. Spürt man es einem Haus an, wenn Werte wie Verlässlichkeit, Verantwortung und Kontinuität bewusst gelebt werden?
Als Direktion des Suvretta House ist es unsere Verantwortung, diese Werte t.glich zu leben und an unsere Mitarbeiter weiterzugeben. Es ist sehr sch.n, dass das Suvretta House noch immer unter der .gide der Gründerfamilie steht. Der Einfluss unseres Verwaltungsratspräsidenten Reto Candrian sowie auch unseres Honorary Chairman, Martin Candrian, auf die Strategie ist spür- und erlebbar. Dies ist auch ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal des Suvretta House.
Zur Person Rot. Vic Jacob (Jg. 1949) führte das Suvretta House zusammen mit seiner Ehefrau Helen von 1989 bis 2014. In dieser Zeit begleiteten sie das Hotel durch eine Phase substanzieller Weiterentwicklung. Seit seiner Pensionierung ist Vic Jacob dem Suvretta House im Verwaltungsrat der AG Suvretta-Haus als Vizepräsident verbunden geblieben.
Rot. Peter Egli (Jg. 1968) Peter Egli verantwortet seit dem 1. Mai 2014 gemeinsam mit seiner Ehefrau Esther die operative Leitung des Suvretta House. Als General Manager führen sie das traditionsreiche Grand Hotel mit einem klaren Fokus auf Qualität, Kontinuität und behutsamer Modernisierung. Der gelernte Hotelier-Restaurateur (HF/SHL) führte vor seinem Wechsel ins Engadin zehn Jahre das Whatley Manor Hotel & Spa in England, zuvor war er elf Jahre im Management des Grand Resort Bad Ragaz tätig. Beide gehören dem RC St. Moritz an und sind dem Engadin seit vielen Jahren eng verbunden. |