Wenn der Staat nur langsam reagiert, handelt Rotary
Als die Schweiz 2025 und 2026 von zwei grossen Katastrophen erschüttert wurde, mobilisierte sich Rotary innerhalb weniger Stunden. Im Gespräch blicken die Governors des Distrikts 1990 und die Verantwortlichen vor Ort auf diese Nothilfe, ihre Organisation und die Lehren aus diesen aussergewöhnlichen
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Als die Schweiz 2025 und 2026 von zwei grossen Katastrophen erschüttert wurde, mobilisierte sich Rotary innerhalb weniger Stunden. Im Gespräch blicken die Governors des Distrikts 1990 und die Verantwortlichen vor Ort auf diese Nothilfe, ihre Organisation und die Lehren aus diesen aussergewöhnlichen Einsätzen zurück. Am 28. Mai 2025 stürzte im Lötschental ein Gletscher ab. Ein ganzes Dorf wurde unter einer gewaltigen Masse aus Fels und Eis begraben, rund 300 Menschen verloren ihr Zuhause. René-Marc, wie hast du als Governor auf diese Katastrophe reagiert? René-Marc Blaser: Als ich die Nachrichten sah, wurde mir rasch das Ausmass der Situation bewusst. Die drei amtierenden Governors nahmen sofort miteinander Kontakt auf, denn wir hatten bereits Ende Juni 2024 eine ähnliche Situation erlebt, als schwere Unwetter das Wallis, Graubünden und das Tessin getroffen hatten. Deshalb waren wir uns schnell einig, dass wir die Rotary Stiftung Schweiz (RSS) erneut aktivieren sollten. Wir führten einen ersten Austausch durch, und dank meiner Clubbesuche wusste ich, dass Hans-Jakob, Präsident des RC Leuk-Leukerbad, in Wiler wohnt – dem Dorf direkt unterhalb von Blatten im Herzen des Lötschentals. Ich rief ihn an und sagte: «Wir überlegen, die Schweizer Rotary Stiftung zu aktivieren und eine Spendenaktion zu lancieren.» Hans-Jakob, der RC Leuk-Leukerbad hat seinerseits sofort Hilfe bereitgestellt. In welchem Umfang? Hans-Jakob Rieder: Wir haben direkt 30000 Franken als Soforthilfe bereitgestellt. Im Weiteren hatten wir auf Grund dessen, dass vier Clubmitglieder aus Wiler kommen, welches nur drei Kilometer von Blatten entfernt ist, sehr schnell Kontakt zu den Beteiligten vor Ort. Wieviele Spenden sind bis heute zusammengekommen? Wie werden sie eingesetzt? Hans-Jakob Rieder: Im gesamten sind rund 400000 Franken eingegangen. Rund die Hälfte konnte als Soforthilfe ausbezahlt werden. Da es sich beim Wiederaufbau um ein Generationenprojekt handelt, stehen die restlichen Gelder noch zur Verfügung. Was hat dein Club aus der Erfahrung gelernt? Hans-Jakob Rieder: Die Solidarität und Hilfsbereitschaft sind immer noch sehr stark. Es ist wunderschön zu sehen, wie sich die Clubs und einzelne Mitglieder engagieren. Als Beispiel möchte ich hier unseren Partnerclub Lebach-Wadern erwähnen, der Blatten mit einer grossen Spende unterstützt. Wie geht es den Menschen in Blatten heute? Hans-Jakob Rieder: Sehr unterschiedlich. Einzelne Bewohner nehmen sehr beschwerliche Wege auf sich, um sofort wieder in Blatten wohnen zu können. Andere warten ab, wie sich der Wiederaufbau entwickelt. Wie hat Rotary auf Distriktebene geholfen? René-Marc Blaser: Die Idee war, eine nationale Kampagne mit allen drei Distrikten zu lancieren. Obwohl nur der Distrikt 1990 direkt betroffen war, rechtfertigte das Ausmass der Katastrophe eine Mobilisierung von Rotary auf gesamtschweizerischer Ebene. Wir Governors organisierten rasch die Spendensammlung und nahmen Kontakt mit Verena, der Chefredaktorin des Rotary Magazins Schweiz, auf, um die Kommunikation sicherzustellen. Hans-Jakob erklärte sich sofort bereit, die Rolle der Verbindungsperson vor Ort zu übernehmen. Da er in der Region lebt, war er persönlich besonders betroffen: Die zunächst vermisste und später tot aufgefundene Person war jemand, den er gut kannte. Seine Präsenz vor Ort war von unschätzbarem Wert, um den Kontakt zur Bevölkerung und zu den Behörden sicherzustellen. Helfen gehört zur DNA von Rotary. Doch bei Naturkatastrophen ist grundsätzlich die öffentliche Hand zuständig. Weshalb brauchte es Rotary trotzdem? René-Marc Blaser: Bereits bei den Unwettern von 2024 hatten wir ähnliche Erfahrungen gemacht. In Siders beispielsweise erlitten manche Menschen erhebliche Schäden, erhielten jedoch keine Entschädigung, weil ihre Situation nicht den üblichen Kriterien der Versicherungen oder der staatlichen Hilfe entsprach. In Blatten zeigte sich das gleiche Bild: Gewisse Bedürfnisse bleiben ungedeckt. Genau dort konnte Rotary einspringen. Unsere Hilfe war in erster Linie finanzieller Natur, jedoch stets mit einer langfristigen Perspektive. Unter anderem unterstützten wir die Dorfmusik, deren Instrumente zerstört worden waren. Mit der Finanzierung neuer Instrumente wollten wir nicht nur materiellen Ersatz schaffen, sondern vor allem das Gemeinschaftsleben erhalten und den Zusammenhalt stärken. Die Gefahr war gross, dass viele Menschen die Region dauerhaft verlassen würden. Ebenso beteiligten wir uns am Wiederaufbau eines Hotels. Unser Ziel ging über reine Soforthilfe hinaus: Wir wollten Projekte unterstützen, die eine nachhaltige Wirkung entfalten. Yves, beim verheerenden Brand in der Silvesternacht 2026 kamen 41 junge Menschen ums Leben, die in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana feierten. Mehr als 100 Personen wurden verletzt. Was war deine erste Reaktion als Rotarier? Yves Duc: Alles geschah mitten in der Nacht. Als ich nach der Silvesterfeier bei Freunden nach Hause kam, sah ich meinen Nachbarn, der als diensthabender Polizeioffizier für das ganze Wallis im Einsatz war, überstürzt losfahren. Angesichts der Helikopter, der Polizei und der Ambulanzen wurde uns schnell klar, dass sich eine Tragödie ereignet hatte. Gegen zwei Uhr morgens wusste man bereits, dass ein Lokal abgebrannt war. Wie viele andere verbrachten auch meine Töchter die Nacht damit, Informationen zu erhalten. Am nächsten Morgen zeigte sich das ganze Ausmass der Katastrophe. Mehrere Kontakte vor Ort bestätigten die Schwere der Lage und berichteten von enormen Schäden und einer äusserst belastenden Situation. Meine erste Reaktion war die Frage: Wie können wir helfen? In den «Handlungsmodus» zu wechseln, ist für mich selbstverständlich. Ich habe im Leben viel erhalten und will etwas zurückgeben. Deshalb kontaktierte ich sofort den Governor des Distrikts 1990, Jouni Heinonen. Gemeinsam überlegten wir, wie Rotary die Opfer unterstützen könnte. Besonders stolz macht mich, dass Rotary der einzige Serviceclub war, der sehr rasch reagierte und konkrete Hilfe organisierte. Welche Art von Hilfe wurde in den ersten Stunden benötigt? Yves Duc: Für uns stand zunächst nicht die medizinische Hilfe im Vordergrund. Sehr schnell wurde klar, dass der dringendste Bedarf die Betreuung und Begleitung der Angehörigen war – viele von ihnen kamen aus dem Ausland und sprachen unsere Sprache nicht. Es galt, Kontakte herzustellen, zu unterstützen und konkrete Lösungen zu finden, etwa für Familien, die nach Zürich, Hamburg oder in andere Städte reisen mussten, um bei ihren Angehörigen zu sein. Hier spielte das internationale Netzwerk von Rotary eine entscheidende Rolle. Dank seiner weltweiten Präsenz trafen bereits nach wenigen Stunden Hilfsangebote aus aller Welt ein. Ich erhielt sogar Nachrichten aus Belize. Diese Solidarität war ausserordentlich bewegend. Gleichzeitig mussten wir diese enorme Hilfsbereitschaft bündeln und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Und das Wesentliche war in diesem Moment die Aufnahme der Familien: Unterkünfte zu finden und ihnen in einer Zeit tiefster Verzweiflung einen sicheren Anker zu bieten. Jouni, nach der Tragödie, die sich in «Le Constellation» ereignete, haben sich die drei Gouverneure – John Manning, Andrea Weber und du – auf nationaler Ebene zusammengeschlossen, um die Hilfe zu koordinieren. Jouni Heinonen: Ja. Nach den ersten Sitzungen auf lokaler Ebene wurde deutlich, dass die Bedürfnisse den regionalen Rahmen bei Weitem überstiegen. An den ersten Telefonkonferenzen nahmen rund zehn Personen teil. Später verkleinerten wir die Gruppe auf die Governors, Yves, Verena von den Rotary Communication Services (RCS) sowie Hanspeter Pfister von der Stiftung. So arbeiten wir bis heute. Zu Beginn war die Zahl der Anrufe enorm – alle wollten wissen, wie sie helfen konnten. Konntet ihr auf die Erfahrungen aus Blatten zurückgreifen oder gab es bereits eine Krisenstruktur? Jouni Heinonen: Ein eigentliches Krisenhandbuch oder einen festgelegten Ablauf haben wir nicht. Doch der lokale Rotary-Club bildet immer die eigentliche Einsatzzentrale – er ist das Herzstück unseres Handelns. Genau das ist die Stärke von Rotary: Wir sind lokal verankert und gleichzeitig global vernetzt. Ohne einen Club in Crans-Montana hätten wir vermutlich nicht leisten können, was wir erreicht haben. René-Marc Blaser: Genau. Die lokale Verankerung ist unverzichtbar. Solche Situationen lassen sich nicht ausschliesslich aus der Distanz bewältigen. Die drei Governors müssen sich koordinieren, gegenseitig auf dem Laufenden halten und Informationen weitergeben. Auch die Unterstützung der Rotary Communication Services war entscheidend. Hinzu kommt die Rotary Stiftung Schweiz. Es ist wichtig zu betonen, dass wir über eine leistungsfähige Struktur verfügen, um in Krisen rasch Hilfe zu organisieren. Jouni Heinonen: Absolut. Die Geschwindigkeit, mit der wir Hilfsgelder sammeln und freigeben konnten, war bemerkenswert. Das zeigt, wie effizient unser System funktioniert, wenn alle koordiniert zusammenarbeiten. Ich bedaure allerdings, dass es bis heute keine gemeinsame Vereinbarung aller Schweizer Distrikte bezüglich der Stiftung gibt. Es gäbe durchaus verschiedene Lösungen, auch Mischmodelle der Finanzierung. Entscheidend ist der Wille, Meinungsverschiedenheiten zu überwinden und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Dafür werde ich mich in meiner neuen Funktion als Präsident des Governorrsrats einsetzen. Yves Duc: Leider hörten wir auch Stimmen, die kritisierten, dass die Stiftung Familien unterstütze, die angeblich wohlhabend seien und keine Hilfe benötigten. Doch die Dossiers, die wir jeden Sonntag prüfen, erzählen eine völlig andere Geschichte. Wir begegnen Familien, die bereits vor der Katastrophe stark belastet waren und teilweise am Rand der Existenz lebten. Hinter jeder Tragödie steht grosses menschliches Leid: Scheidungen, finanzielle Schwierigkeiten oder der Verlust eines Kindes oder Ehepartners, wodurch wichtige Einkommen oder Unterstützungsleistungen wegfallen. Für manche Familien bricht dadurch ein ohnehin fragiles Gleichgewicht vollständig zusammen. Weshalb braucht es Rotary in solchen Situationen? Yves Duc: Weil wir sofort handeln. Die staatlichen Systeme sind unverzichtbar, brauchen jedoch Zeit. Rotary hingegen kann rasch Nothilfe leisten. Schon einige tausend Franken können es einer Familie ermöglichen, mehrere Monate zu überbrücken. Wir arbeiten zudem eng mit den öffentlichen Ämtern und den Opferhilfestellen zusammen. So können wir sicherstellen, dass die festgestellten Bedürfnisse nicht bereits durch Versicherungen oder andere Unterstützungsangebote gedeckt sind. Für Crans-Montana wurden über die Stiftung 190000 Franken gesammelt, rund 40000 Franken wurden bisher ausbezahlt. Wird Rotary's Hilfe tatsächlich gebraucht? Jouni Heinonen: Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die Folgen für die Betroffenen über Jahre hinweg andauern. Die medizinische Notfallversorgung wurde geleistet, doch die eigentliche Herausforderung beginnt danach: Rehabilitation, der Wiederaufbau des Familien- und Berufslebens, von unterbrochenen Studien bis hin zu beruflichen Neuorientierungen. Der Unterstützungsbedarf wird noch lange bestehen. Deshalb haben wir beschlossen, die Opfer auch 2027 zu begleiten, indem wir ihnen die Teilnahme an Rotary-Camps ermöglichen. Es geht nicht darum, spezielle Lager für sie zu schaffen, sondern sie in bestehende Angebote zu integrieren. So können wir ihnen konkret helfen, Schritt für Schritt in ein normales Leben zurückzufinden. Yves Duc: Wie gross die Wirkung unseres Engagements war, wurde mir an der jüngsten Gemeindeversammlung von Crans-Montana bewusst, an der über 380 Bürgerinnen und Bürger teilnahmen. Beim Ausgang standen drei Mütter mit den Fotos ihrer verstorbenen Kinder. Ich ging auf sie zu, um sie zu begrüssen. Sie erkannten mich, schlossen mich in die Arme und dankten mir. In einem solchen Moment wird einem bewusst, dass unser Einsatz wirklich etwas bewirkt hat. Das war unglaublich. Wir haben etwas Schönes geleistet, etwas Grosses – und wir haben es gut gemacht. Lassen sich aus den Erfahrungen von Blatten und Crans-Montana konkrete Empfehlungen ableiten? Jouni Heinonen: Vielleicht wäre es sinnvoll, die gesammelten Erfahrungen systematisch zu bündeln und bewährte Vorgehensweisen in einem Leitfaden zu dokumentieren. Vor allem aber sollten wir unsere bestehenden Strukturen weiter stärken und aufwerten: die Stiftung, die Kommunikation, die Zusammenarbeit zwischen den Governors auf nationaler und regionaler Ebene sowie mit den Clubs. Denn eines bleibt immer gleich: Um einen solchen Prozess überhaupt in Gang zu setzen, brauchen wir einen lokalen Rotary Club.