Der leise Weichensteller

Freitag, 16. Januar 2026

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Mit der Polaris Academy erhält Rotary ein stabiles Schulungsfundament. Entstanden ist es aus Engagement – und der jahrzehntelangen Afrika-Erfahrung von Rot. Michael Willi.

Es gibt Rotarier, die Projekte betreuen – und solche, die Weichen stellen. Rot. Michael Willi gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Wer ihm begegnet, spürt diese ruhige, entschlossene Art eines Menschen, der nicht über Engagement spricht, sondern es lebt. Der in den letzten vier Jahrzehnten mehr humanitäre Initiativen aufgebaut hat, als andere in einem Leben besuchen. Und der, ohne grosse Worte zu verlieren, entscheidend dazu beitrug, dass aus einer fixen Idee die Polaris Academy wurde.

Dass er sich heute mit derselben Sorgfalt Polaris widmet, mit der er einst in Afrika und Haiti Zahnkliniken aufgebaut hat, überrascht nur jene, die ihn nicht kennen. Für Michael Willi war Arbeit schon immer eine Frage der Verantwortung, nicht der Disziplin. Bereits mit knapp dreissig Jahren leitete er die Zahnklinik des Albert-Schweitzer-Spitals in Lambaréné – ein Ort, der ihn prägte. Dort lernte er, wie man mit begrenzten Mitteln solide Strukturen baut, wie man ein Team führt, wenn Strom ausfällt und Instrumente fehlen, und wie man Menschen erreicht, indem man ihnen zuhört. Es sind Erfahrungen, die sich nicht aus einem Lehrbuch ziehen lassen, sondern nur vor Ort, zwischen improvisierten Behandlungsräumen und im Dialog mit Patienten, deren Vertrauen man erst verdient, bevor man behandelt.

Diese frühe Zeit in Afrika zog eine Kette von Projekten nach sich, die sich wie eine Landkarte eines humanitären Lebenswerks lesen: Organisation des ersten Symposiums auf afrikanischen Boden mit Beteiligung von Burkina Faso, Gabun und Kongo, Klinikleitung und Tropenkurs in Ifakara, Tansania, Fundraising, die Wiederherstellung der zerstörten Klinik in Port-au-Prince, die Gründung neuer Standorte in Uganda, Simbabwe und Peru, die Initiative Art for Charity zur Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern, die Gründung von Swisshouse Simbabwe. Ab 2011 leitete Michael Willi als Präsident die Stiftung Secours Dentaire International, deren Aktivitäten er professionalisierte und erweiterte. Wer ihn in diesen Jahren begleitete, erinnert sich an seine Art, ein Projekt anzugehen: Michael Willi hört zuerst zu, setzt dann den Rahmen auf, bringt Menschen zusammen, verteilt Verantwortung und bleibt dran, bis es funktioniert. Nicht laut, nicht pathetisch, sondern mit jener stillen Beharrlichkeit, die das Rückgrat seiner Projekte bildet.

Als Polaris im rotarischen Alltag immer wichtiger wurde, erkannte Michael Willi früh etwas, das für andere erst beim genaueren Hinsehen sichtbar wurde: Eine digitale Plattform entfaltet ihre Kraft erst dann, wenn sie verstanden, gepflegt und sicher angewendet wird. Genau hier begann seine Arbeit an der Polaris Academy – einer Struktur, die nicht bloss Schulungsmaterial bereitstellt, sondern ein dauerhaftes Bildungsangebot schafft. Die Academy bietet Live-Schulungen, klar aufgebaute Video-Tutorials, ein länderübergreifendes Trainerteam und standardisierte Onboarding-Prozesse, die sicherstellen, dass neue Nutzerinnen und Nutzer nicht länger auf zufällige Einzelunterstützung angewiesen sind. Entscheidend ist dabei die Muttersprache: Wer in der eigenen Sprache geschult wird, lernt nicht nur schneller, sondern mit mehr Sicherheit. Die Academy sorgt dafür, dass diese Schulungen in gleichbleibender Qualität stattfinden – hochwertig, nachvollziehbar und für alle Clubs, für jeden Nutzer zugänglich.

Für Rotary in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein ist diese Struktur weit mehr als ein Service: Sie ist ein strategisches Fundament. Ohne eine Academy wäre Polaris abhängig von Einzelpersonen, von ihrem Wissen, ihrem Kalender, ihrem Engagement – ein Risiko, das sich besonders in der rotarischen Jahres-Rochade zeigt, wenn Verantwortlichkeiten turnusgemäss wechseln. Die Academy stabilisiert all das, was zuvor mühsam von Hand zusammengehalten wurde: Sie schafft klare Verantwortlichkeiten, verlässliche Prozesse und ein System, das Wissen nicht mehr verliert, sondern bewahrt. Anstelle von Ad-hoc-Schulungen entstehen geregelte Abläufe; anstelle von Unsicherheit entsteht Professionalität. Polaris wird dadurch nicht nur benutzt, sondern verstanden – und als zentrale Infrastruktur der Clubs langfristig gestärkt.

Dass Michael Willi diese Arbeit freiwillig und ohne persönliche Kompensation leistet, passt zu seiner beruflichen Haltung. Nach Jahrzehnten in der eigenen Zahnarztpraxis, die er 2023 an seinen Sohn und dessen Partner übergab, hätte er sich ins Private zurückziehen können. Tennis spielen, den Garten pflegen, reisen, Zeit mit seiner Frau Romy und den vier Kindern verbringen. Doch sein Verständnis von Ruhestand gleicht eher einem Übergang als einem Rückzug. Die Freiheit, die ihm der Abschied aus dem Praxisalltag schenkte, füllte er mit neuen Aufgaben – und Polaris wurde eine davon.

Bis Ende 2025 standen die Strukturen: das Curriculum für das darauffolgende Jahr, erste Videos, klar geregelte Abläufe, die Trainerteams, das Academy-Board, die technischen Grundlagen und die Demo-Systeme, die im Hintergrund gewartet werden. Für den Betrieb der Polaris Academy braucht es aus Datenschutzgründen eine eigene Demo-Instanz mit vollständig fiktiven Daten. In diesem System werden ganze Clubs und Distrikte mit Mitgliedern, Vorständen und Anlässen abgebildet – und zwar in mehreren Sprachen. Der Aufbau und die laufende Pflege dieser Umgebung sind aufwendig und erfordern wiederkehrende, zeitintensive Arbeiten, die sich in der Schweiz kaum ehrenamtlich abdecken lassen.

Michael Willi suchte deshalb bewusst nach einer tragfähigen Lösung ausserhalb der Schweiz. Über seine Kontakte in Uganda organisierte er im November 2025 einen mehrtägigen Workshop mit jungen Rotaractern, der in den Räumen einer Zahnklinik in Bweyogerere stattfand. Unter einfachen Bedingungen arbeiteten die Teilnehmer am Aufbau der Demo-Umgebung. Aus diesem Kreis wurden zwei Personen für eine weiterführende Zusammenarbeit ausgewählt: die Rotaracterin Carol Kobusingye und der IT-Fachmann Peter Kisembo. Beide wurden gezielt eingearbeitet und unterstützen die Polaris Academy seither regelmässig. Sie erstellen mehrsprachige Schulungsvideos, pflegen die Demo-Instanzen und stellen sicher, dass die Inhalte für verschiedene Sprachräume einsatzbereit sind.

Ergänzend dazu werden in Simbabwe klar definierte Pflegearbeiten am Demo-System ausgeführt. Dazu zählen unter anderem das Übertragen von Terminen, das Aktualisieren von Einträgen und das Abschliessen von Anlässen. In diese Aufgaben ist auch Bradley Makina eingebunden, den Michael Willi aus dem Projekt Swisshouse Simbabwe kennt. Die Arbeiten werden begleitet und überprüft und tragen dazu bei, das Demo-System laufend aktuell zu halten.

Seit Januar 2026 ist die Polaris Academy offiziell in Betrieb. Für die Clubs bedeutet sie mehr als ein Schulungsangebot – sie ist Teil der Zukunftsfähigkeit von Polaris selbst. Eine Plattform, die von mehreren tausend Rotariern genutzt wird, braucht ein System, das Wissen vermittelt, erneuert und zugänglich hält. Sie braucht ein Team, das Qualität sichert. Und sie braucht Menschen wie Michael Willi, die bereit sind, ihre Erfahrung aus jahrzehntelanger humanitärer Arbeit einzubringen, um eine digitale Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

Rot. Michael Willi im Gespräch mit Bradley Makina

Zur Person

Dr. med. dent. Michael Willi, Jahrgang 1959, studierte Zahnmedizin in Basel, wo er 1983 promovierte. Nach ersten Berufsjahren in der Praxis leitete er als junger Zahnarzt die Klinik des Albert-Schweitzer-Spitals in Lambaréné – der Beginn eines humanitären Engagements, das ihn über vier Jahrzehnte nach Gabun, Tansania, Haiti, Uganda, Simbabwe und Peru führte. Parallel führte er bis 2023 seine eigene Praxis, die er danach an die nächste Generation übergab. Michael Willi lebt mit seiner Frau Romy in Emmenbrücke, ist Vater von vier erwachsenen Kindern und Mitglied des RC Luzern-Seetal. Seine freie Zeit gehört der Familie, der Musik – und Rotary.